Vor zwei Jahren klang der Tonfall noch trotzig, fast unerschrocken: Damals ging es darum, „mehr Bautzen zu wagen“, und im Hintergrund lief die alte Hymne von Silbermond, die „Zeit für Optimisten“ beschwor. Doch wer heute mit den Menschen vor Ort spricht oder den Blick über die ostdeutschen Marktplätze schweifen lässt, spürt, wie gründlich dieser Optimismus aufgerieben wurde. An seine Stelle ist ein ganz anderes Gefühl getreten, das Judith Holofernes und Wir sind Helden vor Jahren in einer einzigen, schmerzhaft präzisen Zeile eingefangen haben: „Ich weiß nicht weiter. Ich weiß nicht, wo wir sind. Von hier an blind.“ Genau vor diesem Abgrund steht der Bürger in der Wahlkabine, mit dem Bleistift in der Hand und einem Bienenschwarm im Magen.
Die eigentliche Tragödie dieses Wahlsommers liegt nicht allein in den nackten Zahlen der Demoskopen, sondern in der Zerstörung einer Grundüberzeugung: dass eine Wahl ein Moment der Gestaltung und der eigenen Haltung sein sollte. Stattdessen verkommt das Bürgerrecht zu einem reinen Abwehrreflex. Es wird nicht mehr gewählt, um ein Gesellschaftsbild nach vorn zu bringen, sondern nur noch, um das gefühlte Verderben abzuwenden. Man wählt aus Notwehr, man wählt das geringere Übel, man wählt mit zugehaltener Nase. Doch wer nur wählt, um zu verhindern, gibt den eigenen politischen Kompass am Eingang des Wahllokals ab.
Vollends absurd wird dieses Kammerspiel durch das eiserne Gesetz der Fünf-Prozent-Hürde. Einst als Schutzmechanismus der Bundesrepublik gegen die Zersplitterung der Weimarer Republik ersonnen, wirkt die Sperrklausel in einer zutiefst fragmentierten Parteienlandschaft heute wie eine Erpressung. Denn die Wahlmathematik bestraft das reine Bekenntnis: Wer einer kleinen Reformkraft wie Volt oder den Freien Wählern seine Stimme gibt, riskiert, dass diese am Wahlabend verfällt und über das Verteilungsverfahren am Ende ausgerechnet den politischen Rändern nützt.
Genau in diese offene Wunde stoßen Kampagnen wie „Taktisch Wählen“ oder die millionenschweren Postwurfsendungen von Campact. Sie hämmern den Bürgern ein, die eigene Überzeugung gefälligst hintanzustellen und stattdessen wackelnde Altparteien wie SPD oder Grüne künstlich über die Hürde zu hieven – nicht aus Liebe zu deren Inhalten, sondern als reiner arithmetischer Schutzwall. Es ist ein fatales Signal an die Wählerschaft: Deine inhaltliche Idee ist wertlos, es zählt nur noch das Rechenmodell für den Koalitionsrechner.
Das Ergebnis ist eine parlamentarische Statik, die niemanden mehr glücklich macht. Aus der Urne steigen fragile Zweckbündnisse, die sich vom ersten Tag an gegenseitig misstrauen und nur durch die Angst vor Neuwahlen zusammengehalten werden. Wer das Richtige tun will, wird vom System in eine Zwickmühle gezwungen, aus der es ohne grundlegende Wahlrechtsreformen – etwa durch eine Absenkung der Sperrklausel oder eine Ersatzstimme – kein Entkommen gibt.
So bleibt am Ende die bittere Zerrissenheit vor dem Stimmzettel. Man setzt sein Kreuz, faltet das Papier zusammen und weiß im Grunde, dass dieser Akt kein Aufbruch mehr ist, sondern der bange Versuch, den Totalschaden zu verhindern. Die Helden hatten damals recht: Man weiß nicht weiter, man weiß nicht mehr, wo wir sind – und geht von hier an blind.