„Wir schaffen das“ 2.0: Warum Friedrich Merz plötzlich wie Angela Merkel klingt

Stellt euch vor: Ihr verbringt Jahre damit, die Politik eurer Vorgängerin zu kritisieren – und klaut dann in der Krise ihren absolut legendärsten Spruch. Genau das ist am 6. Juni 2026 auf dem CDU-Landesparteitag im mecklenburgischen Linstow passiert. Kanzler Friedrich Merz stand vor den Delegierten und rief mit Blick auf seine wackelige schwarz-rote Koalition optimistisch in den Raum, dass wir das schaffen. Der Spruch, der Deutschland über ein Jahrzehnt lang gespalten hat, ist zurück – und zwar ausgerechnet aus dem Mund des Mannes, der Angela Merkel jahrelang genau für diese Rhetorik attackiert hat.   

Die große Frage lautet nun, wer eigentlich dieses „Wir“ sein soll. Wenn Merz das Wort in den Mund nimmt, meint er natürlich in erster Linie seine eigene schwarz-rote Koalition. Doch genau da knirscht es an allen Ecken und Enden, denn das Regierungsbündnis ist extrem zerstritten. So wetterte Bremens SPD-Bürgermeister Andreas Bovenschulte im Spiegel, die Regierung sei bloß „Weltmeister im Ankündigen“ und empfahl dem Kanzler, bei den Reformen schleunigst vom Gas zu gehen. Gleichzeitig zittert die CDU vor den Landtagswahlen im September, wo sie in Mecklenburg-Vorpommern bei mickrigen 10 Prozent herumdümpelt, während die AfD mit 36 Prozent führt. Das „Wir“ wirkt da eher wie ein verzweifelter Versuch, die eigenen Leute irgendwie zu motivieren. Zu allem Überfluss verweigert auch die Gesellschaft die Gefolgschaft, denn Gewerkschaften wie der DGB oder ver.di ziehen bereits knallharte rote Linien gegen die geplanten Reformen.   

Und was genau soll überhaupt geschafft werden? Ging es 2015 noch um die Aufnahme und Integration von Geflüchteten, steht heute eine massive wirtschaftliche Sanierung auf dem Zettel. Bis zur Sommerpause am 10. Juli will die Koalition ein gigantisches Reformpaket durchpeitschen. Geplant sind zwar spürbare Entlastungen bei Steuern und Bürokratie für die Mitte, aber eben auch harte Einschnitte. Das Bürgergeld soll durch eine strengere Grundsicherung ersetzt werden, während bei den Krankenkassen und der Pflegeversicherung drastische Sparmaßnahmen anstehen, die Beitragszahler wohl teuer zu stehen kommen. Dazu kommen ambitionierte Pläne für eine bessere IT-Infrastruktur, pünktlichere Züge und die stärkste konventionelle Armee Europas.   

Liest man die Kommentare der großen deutschen Zeitungen, so merkt man, dass Zweifel aufkommen.. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zieht eine bittere Bilanz der Merkel-Jahre und meint, dass Merz nun unter brutalem Zeitdruck die Versäumnisse der Vergangenheit ausbaden muss, weil der Staat an seinen Schwachstellen kollabiert ist. Der Münchner Merkur teilt noch härter aus und nennt Merkels uneinsichtige Haltung eine absolute Chuzpe, die den Bürgern ins Gesicht schlage. Dagegen kritisiert die Rhein-Neckar-Zeitung den migrationskritischen Kurs von Merz als puren Populismus, da unser Wirtschaftssystem ohne Einwanderung demografisch kollabieren würde. Der Tagesspiegel spricht von einem kommunikativen Desaster, angeheizt durch die peinliche Debatte um Nutzer, die wegen Bezeichnungen wie „Lügenfritz“ juristisch verfolgt wurden, während die krachende Niederlage bei der Wahl für den UN-Sicherheitsrat die Lage verschlimmert. Die taz wiederum ist entsetzt und stellt fest, dass von der Menschlichkeit von 2015 unter Merz nichts mehr übrig ist, da er den moralischen Spruch klaut, während er gleichzeitig knallharte Abschottung betreibt.   

Friedrich Merz geht aufs Ganze. Sich ausgerechnet bei seiner alten Rivalin Angela Merkel zu bedienen, ist ein rhetorischer Stunt, der nach hinten losgehen kann. Wenn die Reformen bis zum 10. Juli scheitern, steht Merz ohne „Wir“ und ohne „Das“ da – und die AfD reibt sich am Ende die Hände. Was meint ihr: Packt die Koalition das noch, oder ist der Spruch nur heiße Luft?

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