Jette Nietzards angekündigter Rückzug als Co-Chefin der Grünen Jugend im Herbst 2025 markiert das Ende einer kurzen aber lauten Amtszeit. In einem Interview rechnet sie nochmal mir der Mutterpartei ab. Sie sei den „Kampagnen rechter Medienhäuser hinterher gelaufen“ Das wiederkehrende Muster, dass bereits drei ihrer vier Vorgänger mit dem Kurs der Mutterpartei fremdelten oder austraten, deutet auf ein tieferliegendes, strukturelles Problem im Verhältnis zwischen dem radikaleren Jugendflügel und der zunehmend pragmatischen Mutterpartei hin.
Jette Nietzard: Provokation als politisches Programm
Jette Nietzards Amtszeit war geprägt von bewusst provokanten Äußerungen, deswegen ist sie auch nicht das erste Mal Thema in meinem Blog.
Der letzte Auftritt, der von Stimmungsmachern am rechten Rand als Aufruf zur Waffengewalt verunglimpft wurde, war wohl der letzte Streich von Jette.
Wie sehr sind Zivilgesellschaft und Parteien darauf vorbereitet, dass 2029 eine gesichert rechtsextreme Partei über Deutschland regieren kann? Und was bedeutet das für die Gesellschaft? Ist der Widerstand dann intellektuell? Oder ist der dann vielleicht mit Waffen?
— Jette Nietzard
Der Grüne Richtungsstreit
Der Konflikt zwischen Realos und Fundis ist tief in der DNA der Grünen verankert. Die Grüne Jugend positioniert sich traditionell als kritischer, linker Gegenpol zur Mutterpartei. Der Konflikt ist eine fortwährende Identitätskrise. Die Grünen sind gespalten in zwei Lager, die sich manchmal wie zwei verschiedene Parteien unter einem Dach anfühlen. Ihre größten Wahlerfolge erzielten die Grünen mit einem moderateren, realo-orientierten Kurs. Dieser Kurs hat zwar die Partei gestärkt, aber eine Lücke auf der linken Seite hinterlassen. Und diese soll bleiben, wenn es nach dem Kandidaten für den Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg Cem Özdemir geht, der vor einem Linksruck der Grünen warnt.
Polarisierung als Notwendigkeit in der Aufmerksamkeitsökonomie
Politische Debatten sind zunehmend von ebendieser Polarisierung geprägt, wobei sich gegensätzliche Positionen unversöhnlich gegenüberstehen.
Wenn es polarisiert, wenn es auf die Zwölf geht, ist das Gold für die Algorithmen und wird viel breiter ausgespielt
— Martin Fuchs
Soziale Medien und ihre Algorithmen belohnen und verstärken diese Gegensätzlichkeit und Emotionalität. Der Erfolg polarisierender Strategien zeigt sich bei beiden Rändern. Sowohl die AfD, deren populistische Inhalte von Algorithmen bevorzugt werden, so wie auch die Linke, die bewusst auf Konfrontation geht profitieren. Jette Nietzards explizite Absicht, „bewusst zu polarisieren“ , passt zu dieser algorithmischen Logik.
Der „Online-Disinhibition-Effekt“ verstärkt dies, indem Anonymität und reduzierte sozio-emotionale Hinweise zu extremeren Äußerungen führen. Für junge Menschen kann die Auseinandersetzung mit polarisierenden Inhalten als „Auflehnen gegen das System“ wahrgenommen werden. Polarisierung generiert Aufmerksamkeit, birgt aber das Risiko, breitere Jugendgruppen und Wähler der Mitte zu entfremden.
Junge Wähler und die sozialen Netzwerke
Junge Menschen in Deutschland sind skeptisch gegenüber politischen Versprechen und beziehen 52 Prozent ihrer politischen Informationen ausschließlich aus sozialen Medien. Das Internet und soziale Medien haben als Informationsquellen für junge Wähler stark an Bedeutung gewonnen. Die hohe Skepsis junger Wähler erzeugt einen „Authentizitätsimperativ“ für Politiker.
Besonnene, beruhigende oder erklärende Inhalte wie sie ein Robert Habeck als Vizekanzler produziert hat, sprechen eher die Gruppe Ü30 an, als junge Menschen. Rohe, ungefilterte und polarisierende Inhalte, wie sie Jette Nietzard verbreitete, resonieren hier tiefer als glatt polierte PR, selbst und besonders wenn sie kontrovers sind.
Fazit
Jette Nietzards Amtszeit war ein Brennglas für die Konflikte innerhalb der Grünen Partei. Ihr Rückzug beleuchtet die Spannungen zwischen dem bürgerlichen und dem linken Flügel. Ihre Provokationsstrategie war ein Versuch, die linke Stimme zu stärken und Aufmerksamkeit in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie zu gewinnen.
Die Spannungen werden durch den Abgang von Jette nicht verschwinden, sind sie auch nicht, als der letzte Vorstand der grünen Jugend die Partei verließ.